Photos: Saskia-Marjanna Schulz

Sonntag, 7. Februar 2010

Als am Ur-Rhein noch Menschenaffen lebten

Wiesbaden – Rheinhessen war im Obermiozän vor etwa zehn Millionen Jahren ein Paradies für Menschenaffen. Dort lebten damals mindestens drei Arten von Menschenaffen. Dabei handelt es sich um Paidopithex rhenanus, Rhenopithecus eppelsheimensis und Dryopithecus sp. Berühmte Fundorte mit Resten von Menschenaffen sind Eppelsheim und der Wissberg bei Gau-Weinheim. Dies berichtet der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst in seinem Taschenbuch „Der Ur-Rhein“.
Eppelsheim und der Wissberg bei Gau-Weinheim gehören zu den Fundorten mit Ablagerungen des Ur-Rheins, die man als Dinotheriensande bezeichnet, weil sie oft Zähne und Knochen des Rüsseltieres Deinotherium giganteum („Riesiges Schreckenstier“) enthalten.
Das Deinotherium wird auch Rhein-Elefant oder Hauer-Elefant genannt.In einer Sandgrube bei Eppelsheim kam 1820 der weltweit erste historische Fund eines Menschenaffen ans Tageslicht. Nämlich ein rund 28 Zentimeter langer Oberschenkelknochen, der zunächst irrtümlich einem zwölfjährigen Menschen-mädchen zugeschrieben wurde.
Dieser Fund trägt heute den wissenschaftlichen Namen Paidopithex rhenanus und wird im Hessischen Landesmuseum Darmstadt aufbewahrt.Paidopithex wurde im Laufe der Zeit unterschiedlich gedeutet und benannt. Noch heute sind sich die Experten nicht einig, worum es sich dabei eigentlich handelt. Man deutet Paidopithex als niederen Gibbon-ähnlichen Menschenaffen oder als Menschen-affen, der Gorillas oder Schimpansen ähnelt oder als Altweltaffen, womit er kein Menschenaffe wäre.
1925 wurde ein Eckzahn-Fund aus der Gegend von Eppelsheim als Menschenaffe beschrieben. Diesen Zahn und einen weiteren vom Wissberg bei Gau-Weinheim ordnet man heute der Art Rhenopithecus eppelsheimensis zu. Rhenopithecus heißt zu deutsch „Reinaffe“.
Der 1925 beschriebene Eckzahn-Fund aus Eppelsheim befindet sich im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.Bei Grabungen des Frankfurter Forschungsinstitutes Senckenberg in der Gegend von Eppelsheim entdeckte man im Jahre 2000 das Fragment eines Fingerknochens von einem anderen Menschenaffen. Dieses nur 1,5 Zentimeter lange Bruchstück wird von den Paläontologen Jens Lorenz Franzen, Ottomar Kullmer und Jeremy Tausch als Dryopithecus sp. bezeichnet.
Der Name Dryopithecus („Baumaffe“) beruht darauf, dass ein Fund bei Saint Gaudens in Frankreich zusammen mit Resten von Eichen entdeckt wurde. Aus Rheinhessen kennt man rund ein Dutzend Fundstellen mit Ablagerungen des Ur-Rheins. Rheinhessen wird im Norden und Osten vom Rhein, im Westen ungefähr von den Flüssen Nahe und Alsenz begrenzt und erstreckt sich zwischen der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz sowie den Städten Alzey, Bingen am Rhein und Worms.
Weitere größere Orte in Rheinhessen sind Ingelheim am Rhein, Nierstein und Oppenheim (beide am Rhein gelegen) sowie Osthofen, Nieder-Olm, Wörrstadt und Westhofen.Der Ur-Rhein in Rheinhessen hatte vor etwa zehn Millionen Jahren einen ganz anderen Lauf und eine andere Länge als der heutige Rhein.
Er floss nicht – wie jetzt – durch die Gegend von Oppenheim, Nierstein, Nacken-heim, Mainz und Wiesbaden, sondern westlich davon durch die Gegend von Alzey zur Binger Pforte. Dieser Ur-Rhein war nur etwa ein Drittel so lang wie der gegenwärtige Rhein.Am Ufer des Ur-Rheins lebten außer Rüsseltieren und Menschenaffen auch Nashörner, Tapire, dreihufige Ur-Pferde, kleinwüchsige Hirsche, Wald-Antilopen, Bärenhunde, Katzenbären, Hyänen und Säbelzahnkatzen (Säbelzahntiger).
Für Krokodile, die noch im Mittelmiozän vor etwa 15 Jahren durch Funde in Deutschland nachgewiesen sind, war es bereits zu kalt geworden. Das Klima vor etwa zehn Millionen Jahren war zwar kühler als einige Millionen Jahre früher, aber wärmer und feuchter als heute.Das Taschenbuch „Der Ur-Rhein“ umfasst 264 Seiten und ist reich bebildert.
Es ist Altbürgermeister Heiner Roos aus Eppelsheim und dem Darmstädter Paläontologen Johann Jakob Kaup (1803-1873) gewidet. Roos ist der „geistige Vater“ des Dinotherium-Museums in Eppelsheim. Kaup hat sich um die Erforschung der exotischen Tierwelt aus den Dinotheriensanden in Rheinhessen verdient gemacht. Zum Gelingen des Taschenbuches trug der Förderverein Dinotherium-Museum e.V. Eppelsheim maßgeblich bei, indem er zahlreiche Abbildungen für die Veröffentlichung zur Verfügung stellte.